Alle Beiträge von Claus Sautter

CARDIOPHON

CARDIOPHON
CARDIOPHON

 

Das Trio CARDIOPHON ( Corina Ernst und Frank Lüsing – Gesang, sowie Alexander Rischer  – Elektrische Gitarren ) besteht seit 1993.

In dieser einem klassischen Rockband-Line-Up fernen Besetzung werden Lieder interpretiert, deren Texte, aus verschiedenen Quellen und Epochen zusammengetragen, in einer vorbeiziehenden Art, in breiten Tempi – jedoch unruhig, irgendwo zwischen Folk-Gestus und Kunstliedhaftem vertont sind.

Das Verbindende sind die Motive – pastoral, romantisch, melancholisch – dabei im Vortrag durchaus spröde und verlässlich unseriös.

MASKE

Alexander Raymond, Caput, 2012, Oil on Canvas, Plexiglas, Bicycle Tube, 55x50cm,
Alexander Raymond, Caput, 2012,
Oil on Canvas, Plexiglas, Bicycle Tube, 55x50cm,

 

Die Maske war schon immer da. Die Geschichte der Abbildung des Gesichts ist zunächst die Geschichte der Maske. Ritus und Kultus sind für uns nach wie vor mit ihr verbunden, als einem Gegenstand, der erst darüber Funktion erhält. Aber rituelle Praktiken der Art, wie wir sie aus Afrika oder Ozeanien zu kennen glauben, sind bei uns heute unbekannt. Dennoch entfalten diese Masken noch immer durch bloße Präsenz ohne jeden rituellen Kontext so etwas wie eine Magie des Ausdrucks. Archaik, Ursprünglichkeit und Überzeitlichkeit wären nur einige Stichworte der Faszination, der vor ziemlich genau 100 Jahren nicht nur der Expressionismus Wesentliches verdankte.

„Die Maske hat nur Sinn, wenn sie unpersönlich ist, frei von der Erfahrung des Individuums“, wie Carl Einstein*) damals schrieb, „ als letzte Intensität des Ausdrucks, befreit von jedem psychologischen Entstehen“.

*) Negerplastik, Leipzig 1915 in: Einstein: Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders, Prosa und Schriften,  Leipzig 1989

Alexander Rischer, Anbetende Prinzessin, Hans von der Heide, St. Annen-Museum Lübeck, Schl.–Hoöstein, 1997, Silbergelatine-Print, 30x40cm
Alexander Rischer, Anbetende Prinzessin, Hans von der Heide, St. Annen-Museum Lübeck, Schl.–Holstein, 1997, Silbergelatine-Print, 30x40cm

 

GESICHT

 

Claus Sautter, Gilbert & George, London, 1986
Claus Sautter, Gilbert & George, London, 1986

 

In der Darstellung des menschlichen Gesichts ist über die Zeiten das individuelle Porträt, so wie es uns spätestens seit der Renaissance bekannt ist, nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Abbildung des Gesichts bedeuten mag. Das Porträt – jedenfalls das, welches physiognomische Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten als oberste Maxime erhebt, ist in der Regel flüchtig schon daher, weil Mimik und die Zeit selbst es immer wieder unzureichend erscheinen lassen. Im Porträt jedoch wird das „echte“ Gesicht idealisiert und in den Gegensatz zur Maske gesetzt, welche damit als Synonym für „Täuschung“ steht. Wie aber das Paradox, dass es so und mit vielen Funktionen versehen erst recht das Gesicht zur Maske werden lässt?

Anna Steinert, Betrachtet zu werden Trachtende, 2013,  Übermalung auf Buchseite, Schellack und Oel, 36 x 26,5 cm
Anna Steinert, Betrachtet zu werden Trachtende, 2013,
Übermalung auf Buchseite, Schellack und Oel, 36 x 26,5 cm

So wie Hans Belting *) schreibt, verwandelt das Porträt das Gesicht „zwangsläufig in eine Maske, die immer Abstand zum echten Gesicht hält, weil sie Ersatz für das Gesicht ist“. Belting folgert daraus: „Was in alten Kulturen Masken waren, das sind in der europäischen Neuzeit Porträts geworden“.

*) FACES – eine Geschichte des Gesichts, München 2013

 

Passage

 

Aequatortaufe auf MS Sonneberg, Westafrika, 6.12.1981 Jörg Böthling
Jörg Böthling, Äquatortaufe auf MS Sonneberg, 6.12.1981

 

Seewege werden auch Passagen genannt. Als ginge man durch etwas hindurch wie durch eine Ladenpassage aus dem 19.Jahrhundert. Passieren ist also ein Durchschreiten, ein Durchqueren aber eben auch ein Überqueren, zum Beispiel einer Grenze, und sei es einer imaginären – wie dem Äquator. Dabei kann einem dann durchaus Unangenehmes widerfahren oder eben passieren (s. Bild oben.)

Das Meer hat als weiter, wilder Ort des Geschehens und des Ungewissen die Phantasie der Menschen schon immer bewegt. Krieger wie Händler, Eroberer, Forscher, Auswanderer, Piraten, Kreuzfahrer und vor allem Landratten, Abenteurer aus zweiter Hand. Und Künstler. Helle Oberflächen und finstere Tiefen, Bewegung und Horizont, Reise und Heimkehr, Hoffnung und Scheitern. Die Vielfalt der Metaphorik scheint schier unerschöpflich.  Am Umgang mit ihr lassen sich bei diesem Sujet besonders unverstellte Einsichten über die jeweiligen Entstehungs-Zeiten gewinnen.

 

Horst Sagunski, Zitronen-Segler, Siebdruck auf Leinwand, 2013
Horst Sagunski, Zitronen-Segler, Siebdruck auf Leinwand, 2013

 

 

 

 

Tiefe

 

Peter Boué ,O.T. (Hai), Fettkreide auf Papier, 2003

Peter Boué ,O.T. (Hai), Fettkreide auf Papier, 2003

Naturgemäß denken wir das Meer von der Oberfläche her.              Oben Schiffe – darunter Abgrund– wie tief? Im Durchschnitt sind die Ozeane 4000 Meter tief. In einzelnen Regionen wie dem Marianengraben werden es etwa 11.000 Meter. Der Druck dort unten ist ungeheuer. Alle 10 Meter nimmt er um eine Atmosphäre zu.  Das bedeutet, daß am Boden des Marianengrabens auf jedem Quadratzentimeter ein Gewicht von 1100 kg liegen. Ob es in solchen Tiefen Leben geben kann wurde lange bezweifelt.

Piccard
Jaques Piccard und Don Walsh an Bord der Trieste, 1960

Die Reise dorthin ist für Menschen ähnlich beschwerlich, gefährlich und kostspielig wie die zum Mond. Und so ist  bis heute auch nur eine einzige bemannte Expedition in diese tiefste Tiefe –Hadal genannt – vorgedrungen, das waren 1960  Jacques Piccard und Don Walsh mit dem von Jaques Piccard und seinem Vater Auguste gebauten Bathyskaphen mit Namen Trieste. Ganz unten angekommen in 10.916 Metern Tiefe –  fotografierten sie einen Plattfisch.

 

 

 

 

Zwar hat man festgestellt, dass in jedem Milliliter  Meereswasser  Millionen von Bakterien, Viren und anderen Mikroben leben.            Meeresmikroorganismen bilden , soviel ist sicher, nicht nur die größte Biodiversität sondern auch die bei weitem größte Biomasse des Planeten und produzieren einen enormen Anteil unseres Sauerstoffs.  Doch noch immer wissen wir über die Tiefsee, den grössten Lebensraum der Erde, im Grunde so gut wie nichts .

 

 

 

 

 

Schiffbruch

Claus Sautter, T.T.Tucker, South Africa, Seascape, Seestück
Claus Sautter, The Wreck of the Thomas T. Tucker, South-Africa, Fotografie,1995

Joachim Ringelnatz Flaschenpost

Sie kämpften vergebens. Der Tod, er winkt. Das Schiff geborsten. Es sinkt hinab in die Tiefe, und schaurig klingt der Mannschaft Fluchen und Weinen. Nur der Schiffer steht ruhig im wilden Orkan. Er weiß er hat seine Pflicht getan. Noch ein scharfer Befehl, dann schließt er sich ein. Eine Flasche leert er vom besten Wein auf Glück und Segen der Seinen. Es gurgelt im Schiffsraum, zur Eile´s ihn treibt. Er greift nach Tinte und Feder. Des Schiffes Schicksal und Grüße schreibt er an Weib und Kind und den Reeder. Und die letzte Botschaft nach Seemannsbrauch vertraut er der Flasche gläsernem Bauch, versiegelt den Hals, dann seufzt er schwer, und über die Reling ins brausende Meer wirft er das Glas mit dem Briefe. –– Ein Schiff ruht mehr in der Tiefe.–

Am fernen Strande im Sonnenschein, da spielen zwei Kinder mit Muschel und Stein. Auch ihnen im Herzen die Sonne scheint; Sie wissen ja nicht, dass die Mutter jetzt weint um den Mann, der lang nicht geschrieben, vielleicht–auf dem Meer geblieben. Eine Flasche treibt auf dem Wellenspiegel und bietet den Kleinen ein prächtiges Ziel. Hei, wie in der Sonne sie blinket. Und hurtig von linkischer Kinderhand wird Stein auf Stein nach der Flasche gesandt. Und wie strahlt vor Freude das Kindergesicht, als endlich das gläserne Schiff zerbricht – und jäh im Wasser versinket––

Das Meer birgt schweigend am Grunde voll Mitleid die traurige Kunde.

Koltermann
Karen Koltermann, Out of Area, Mischtechnik auf Papier, 2013

 

Das Meer

Seestück, Schnars Alquist
Hugo Schnars-Alquist, Marinestück, Lichtdruck, 1906

Beim Poseidon – von Kronos verschlungen, von Zeus befreit – jetzt wird´s elementar:

Das Meer ist unser nächstes Sujet.

Wenn wir heute zu fremden Gestaden aufbrechen, Inseln, Kontinente besuchen, nutzen wir Schiffe mit Flügeln, doch noch immer gehen wir an Bord. Vielleicht sind wir dem Meer noch nicht ganz entstiegen, doch wir haben eine andere Draufsicht seit wir fliegen und somit ein anderes Verhältnis zur Oberfläche der See. Heute wissen wir, dass das Meer keineswegs glatt ist, auch wenn gerade kein Wind an ihm reißt hat es doch Berg und Tal nicht nur auf seinem Grund sondern in geringerem Masse auch an der Oberfläche. Der nahe Horizont, wie wir ihn vom Strand her kennen, täuscht uns nicht mehr darüber hinweg, dass unsere Perspektive bedingt durch unsere Kleinheit stark verkürzt ist. Unsere Sicht auf das Meer, die Ozeane, ist eine andere seit Echolot und Jaques Cousteau. Gigantische unterseeische Gebirge, Erdspalten, Gräben, Tektonik, der Himalaya – vor kurzem noch ein Meer ––

Die Bilder die wir vom Meer haben und machen sind andere geworden weil unsere Fragestellungen andere geworden sind als noch zu Zeiten von Ruisdael, Friedrich oder Turner, Courbet oder Manet, Gustave le Gray und Schnars-Alquist, auch wenn sie sich auf den ersten Blick hier und da ähneln mögen. Man denke nur an Sugimoto´s Seestücke in Ihrer vergleichenden Ruhe und Übersicht.

James Hamilton–Paterson schreibt, unsere Angst vor dem Meer sei geringer, seit wir über es hinweg fliegen anstatt es, mit tödlichen Gefahren verbunden, bereisen zu müssen, und dass wir seither das Meer „etwas verklären, als einen Hort des Guten, ähnlich wie die Mitglieder einer seit Langem verstreuten Diaspora dies mit dem Mutterland tun“.

Na dann mal los: machen wir uns über die schwimmenden Müll-Kontinente her!

Stattdessen geht man  profan und völlig ohne Sendung auf Kreuzfahrt, nimmt Theater, Gym, und Shopping- Mall ganz einfach mit, arglos wie nur was – und dann… Costa Concordia, aber das gehört ja fast schon ins Kapitel Schiffbruch.