GESICHT

 

Claus Sautter, Gilbert & George, London, 1986
Claus Sautter, Gilbert & George, London, 1986

 

In der Darstellung des menschlichen Gesichts ist über die Zeiten das individuelle Porträt, so wie es uns spätestens seit der Renaissance bekannt ist, nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Abbildung des Gesichts bedeuten mag. Das Porträt – jedenfalls das, welches physiognomische Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten als oberste Maxime erhebt, ist in der Regel flüchtig schon daher, weil Mimik und die Zeit selbst es immer wieder unzureichend erscheinen lassen. Im Porträt jedoch wird das „echte“ Gesicht idealisiert und in den Gegensatz zur Maske gesetzt, welche damit als Synonym für „Täuschung“ steht. Wie aber das Paradox, dass es so und mit vielen Funktionen versehen erst recht das Gesicht zur Maske werden lässt?

Anna Steinert, Betrachtet zu werden Trachtende, 2013,  Übermalung auf Buchseite, Schellack und Oel, 36 x 26,5 cm
Anna Steinert, Betrachtet zu werden Trachtende, 2013,
Übermalung auf Buchseite, Schellack und Oel, 36 x 26,5 cm

So wie Hans Belting *) schreibt, verwandelt das Porträt das Gesicht „zwangsläufig in eine Maske, die immer Abstand zum echten Gesicht hält, weil sie Ersatz für das Gesicht ist“. Belting folgert daraus: „Was in alten Kulturen Masken waren, das sind in der europäischen Neuzeit Porträts geworden“.

*) FACES – eine Geschichte des Gesichts, München 2013